DATES: Berlin 2022

Apsilon

Als Sohn türkischer Eltern und Gastarbeitenden ist er immer noch da, wo er aufgewachsen ist – in seiner Heimat Moabit. Nach fast 10 Jahren Texte schreiben verbringt Apsilon seit gut zwei Jahren viel Zeit im Studio. Inhaltlich gibt es Deutschrap mit antikapitalistischer Analyse ohne erhobenen moralischen Zeigefinger. Provokante Gesellschaftskritik ohne Kompromisse gegen weißdeutsche Bequemlichkeit und Resignation. Die Delivery ist die pure Wut, der Sound ist trappig und modern. New Wave. Apsilon kommt leger um die Ecke und legt Basketballreferenzen neben Rassismuskritik, reiht geschickt deutsche Redewendungen aneinander, während er sie bricht und so mit der deutschen Sprache dribbelt. 

Seine EP „Gast“ nimmt einige Erfahrungen der Generation der Gastarbeitenden, um sie als Widersprüche zwischen Schmerz und Hoffnung wieder auszuspucken. Sie verarbeitet die falschen Versprechen der Gastfreundschaft, die Gastarbeitenden gemacht wurden und zeigt den Trotz einer jüngeren Generation, die sich nicht in das Bollwerk von Volk, Kapital und Menschenverachtung integrieren will. Apsilon ist kein Besserwisserrap, kein Straße 2.0 und kommt ohne Drogenverherrlichung, blinden Hedonismus oder Frauenverachtung aus. Gleichzeitig klammert er sich nicht aus, sondern agiert als Teil dieser jungen, vielversprechenden, kaputten Gesellschaft, die in Widersprüchen lebt und nach allen Enttäuschungen der vorherigen Generationen gesellschaftlich und musikalisch etwas Eigenes schaffen will. Keine austauschbare Playlistkopie, keine althergebrachten Muster, recycelten Soundbilder, Gesten, Flows. Er muss nicht verkrampft oder peinlich ein junges Publikum ansprechen, er und seine Freund*innen sind das junge Publikum. 

Apsilon ist in den Parks von Berlin mit dem Sound von Hip Hop und Basketballcourts aufgewachsen, studiert mittlerweile Medizin. Seine Sprache ist kanakisch und dabei akkurat, gekonnt, selbstsicher. Brachial wie seine tiefe Stimme. Er redet unangestrengt, wie viele migrantisierte Menschen aus Berlin reden. In seinen Texten isst er Köfte, hasst Cops und klagt Almanya an. Kes, lass stecken, die Jugend hat die Lügen gecheckt. Er zeigt klare Kante gegen Ausbeutung und Unterdrückung, nutzt seine Musik aber nicht als Agitationsmittel für eine politische Vision. Er will originelle Musik machen, nichts das sich dem musikalischem Tagesgeschäft im Deutschrap anbiedert. Die Inspiration, die Arda aus Künstler*innen wie Kendrick Lamar zieht, ist das viel beschworene Gesamtpaket: tiefe Musikalität, Verbundenheit zur Community, lyrische Komplexität und Produktion, sowie Storytelling einfach aussehen lassen und zeitgleich Kunst machen, die Unterdrückte stärkt und unterdrückerische Strukturen angreift. Funky Gesellschaftskritik und gekonnten Lyricism hat er auch mit der Musik von Künstler*innen wie Outkast, The Roots, Slowthai, Noname oder Earl Sweatshirt aufgesogen. 

Er möchte junge kanakische und migrantisierte Menschen auf seinem musikalischen Weg empowern, aber vor allem Lebensrealitäten und Verhältnisse erfahrbar machen, unbequem sein, den Status Quo musikalisch und gesellschaftlich auf links drehen. Durch Kunst, durch ein Mosaik aus modernen Beats und zornig ausgespuckten Raps, nicht durch Vorbildhaltung oder Lehrattitüde. Die Wut ist das Rückgrat, die sich durch die Musik zieht. Wegen Hanau, wegen den Progromen der 90er, wegen der andauernden Ausbeutung, der auch die eigene Familie als Gastarbeitende nicht entfliehen konnte. Die kanakische Erfahrung in Deutschland ist kein Einheitsbrei, aber wird von Erfahrungen wie rechter Gewalt, wenig Geld für viel Arbeit, Heimweh, Verlust, Hoffnung, „get rich or die tryin‘“ und generationellem Trauma gezeichnet. Von Gesetzen, die Menschen verachten und Profite garantieren. Es geht nicht um Mitleid oder Verständnis von Presse oder Gesellschaft. Weg mit der Erwartungshaltung an „die guten Deutschen“, die eindimensionalen Vorzeigeausländer, die nicht aufmucken. Stattdessen will er auch provozieren und polarisieren. Wenn sich in dieser Gesellschaft niemand daran stören würde, dass er aus Hass über die unmenschlichen Verhältnisse die Systemfrage stellt, liefe etwas falsch, stellt er nüchtern fest. Apsilon macht keine melancholische oder resignative Musik, sondern bastelt potentielle Katalysatoren, damit andere Menschen den eigenen widerständigen Funken in sich entdecken.

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